"Public Viewing" - Urlaub fürs Jungvolk

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"Public Viewing" - Urlaub fürs Jungvolk

16.06.2008 09:37

Ich habe mir mal meine speziellen Gedanken über das “Public Viewing” gemacht. Selber habe ich es mit 9000 anderen Menschen auf dem Nürnberger Kornmarkt erlebt. Eigentlich eine schöne Sache, so dass ich mich grundsätzlich frage, warum die Schweizer und Österreicher solche Massenansammlungen ganz offensichtlich nicht mögen.

Wahrscheinlich handelt es sich dem Wesen nach um Bergvölker. Auf den Gipfeln spitzt sich die Gesellschaft zu, da ist kein Platz für Getümmel. (Außer bei der jährlichen Party in Kitzbühel, bei der der singende Skilehrer Hansi Hinterseer 20000 Menschen auf einen Berg treibt). Das Wetter spielt aber auch eine Rolle. Wir hatten bei der WM Beckenbauer, die Ösis haben Gusenbauer - ist doch bekannt, wer der wahre Sönnenkönig ist.

Das “Public Viewing” hat eine Wesensverwandtschaft zu “Rock im Park”. Das Publikum ist noch ein bisschen jünger, ältere Leute sind noch weniger zu sehen. Trotzdem scheinen diese jugendlichen Besucher den Text der deutschen Nationalhymne besser zu beherrschen als jene Menschen, die noch unmittelbarer von der 68-er-Ideologie berührt sind. Für einen Moment habe ich mir überlegt, nachzufragen, was “des Glückes Unterpfand” denn wohl ist. Aber die Menschen hatten es eh schwer genug.

Wohltuend wirkt sich der hohe Anteil von Mädchen und Frauen aus. Das macht es möglich, dass die Jungs nicht nur besoffen und dumpfbackig aufs Ergebnis glotzen und bei “falschem” Resultat ausrasten. Wer beim Stand von 0:2 jemand zum Knutschen hat, fühlt sich mindestens wie bei einem Unentschieden.

Und es gibt noch eine wichtige Erkenntnis: Beim “Public Viewing” grenzen sich junge Menschen von der Erwachsenenwelt ab. Sie feiern eine Art Anti-Urlaub.

Einer neuen Umfrage zufolge nervt erwachsene deutsche Urlauber nichts mehr als alkoholisierte Mitreisende, die sich schlecht benehmen. Besonders unbeliebt sind deshalb die Briten, die allerdings bei der EM gar nicht dabei sind. Außerdem gelten Krachmacher aller Art als Urlaubs-Verderber. Also z.B. laute Restaurantbesucher, hyperaktive Flugpassagiere oder Kinder aller Art. Sie alle sind beim Fußball-Gucken willkommen.

Ein riesiger Nervfaktor ist schließlich das Reservieren von Liegestühlen durch das Ablegen von Tüchern. Dafür werden deutsche Touristen sogar von ihren Landleuten gehasst. Auch dies war am Kornmarkt nicht der Fall. Wer ein großes Tuch hatte, schlang es sich um den eigenen Körper. Manchmal ist also “Public Viewing” schöner als echter Urlaub. Wenn man jung ist, versteht sich…
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