"Wir können noch eine Menge gut machen"
Insgesamt ist Michael Skibbe nicht zufrieden mit dem bisherigen Verlauf der Vorrunde. Dennoch hat der Bayer 04-Cheftrainer nichts von seinem Optimismus verloren. Im Interview mit dem BayArena Magazin zieht Skibbe eine erste Bilanz.
BayArena Magazin: Herr Skibbe, sind Sie nicht ein bisschen überrascht?
SKIBBE: Warum?
BayArena Magazin: Weil Sie nach dem 0:0 in Bielefeld und trotz einer bislang unbefriedigenden Hinrunde immer noch auf Tuchfühlung mit einem UEFA-Cup-Platz sind...
SKIBBE: Ich bin froh, dass wir diesen Punkt in Bielefeld geholt haben, weil ich glaube, dass dieser Punkt uns hilft. Wir haben uns im Mittelfeld festgesetzt. Von da aus dürfen wir nach oben schauen, ganz besonders, wenn wir am Freitag Hertha schlagen. Dann können wir unseren Saisonzielen noch vor der Winterpause ein Stück näher kommen.
BayArena Magazin: Nach zuletzt fünf Spielen in 15 Tagen können Sie sich nun mit Ihrer Mannschaft endlich mal wieder in Ruhe und ganz konzentriert auf die Partie gegen die Berliner vorbereiten...
SKIBBE: Die fünf Spiele haben schon Substanz gekostet. Wir haben zwar nicht besonders erfolgreich gespielt in den letzten Wochen, aber wir waren auch nicht klar unterlegen in diesen Spielen. Es waren immer Partien, die Spitz auf Knopf standen. Das kostet natürlich Kraft. Umso wichtiger, dass wir nun mal eine Woche Vorbereitungszeit bis zum Hertha-Spiel haben. Da können wir den Akku noch mal aufladen. Und natürlich werden wir alles daran setzen, hier ein attraktives, erfolgreiches Spiel zu machen. Wir haben eine Mannschaft vor der Brust, die fünf Punkte vor uns steht. Wir wollen den Abstand zu ihr unbedingt verringern und das Spiel natürlich für uns entscheiden.
BayArena Magazin: Wie bewerten Sie denn die Leistung Ihres Teams in Bielefeld?
SKIBBE: Es war ein gerechtes Ergebnis. Wir hatten eine sehr starke Anfangsphase mit vier, fünf sehr guten Möglichkeiten und außerdem ein bisschen Pech mit Schiedsrichterentscheidungen, wo Abseits gegen Kießling und Barbarez gepfiffen wurde, was keines war. Beide wären ansonsten alleine Richtung Tor gelaufen. Im Verlauf der Partie haben wir kräftemäßig nachgelassen und Bielefeld kam besser ins Spiel. Trotzdem hatte Juan dann noch die beste Chance, als er aus einem Meter leider das Tor nicht traf. Aber insgesamt können wir mit der Einstellung und dem Kampfgeist der Mannschaft zufrieden sein.
BayArena Magazin: Wenn Sie auf den bisherigen Saisonverlauf Ihrer Mannschaft blicken, wie sieht dann Ihr Fazit aus?
SKIBBE: Es lief durchwachsen. Wir hatten gute Phasen zu Saisonbeginn und auch noch mal zwischendurch. Aber wir haben auch schlechte Phasen gehabt, wo wir trotz guter Leistungen keine Punkte geholt haben. Und dann gab‘s natürlich auch schlechtere Spiele. Wir können insgesamt nicht zufrieden sein mit der Vorrunde bisher. Nichtsdestotrotz haben wir 19 Punkte, das sind jetzt schon so viele, wie wir in der kompletten Hinrunde der vergangenen Saison geholt haben. Wir wollen jetzt noch in den verbleibenden zwei Bundesligaspielen unsere Ausgangsposition nach oben etwas stabilisieren und im oberen Tabellendrittel Fuß fassen. Wir können insgesamt mit den letzten drei Spielen in diesem Jahr noch eine Menge gut machen. Natürlich auch im UEFA-Cup gegen Istanbul.
BayArena Magazin: Sie haben in den vergangenen Wochen viel Kritik einstecken müssen. Da war in den Medien oft von einer Krise bei Bayer 04 die Rede. Wie sehr hat Sie das geärgert?
SKIBBE: Das ging mir schon manchmal mächtig auf den Keks, weil es zum Großteil auch ungerechtfertigt ist. Wenn unsere Fans unzufrieden mit einem Spiel sind, dann kann ich das gut verstehen. Aber wir sind ja trotzdem mit großem Engagement in diese Spiele gegangen und wollten die natürlich auch gewinnen. Wir hatten einige Spiele vor allem hier in der BayArena, die sehr eng waren, die wir hätten gewinnen müssen. Dann gibt es aber Unentschieden wie das gegen Mainz, wo der Gegner ein Abseitstor schießt und Andrej Voronin aus einem halben Meter das Tor nicht trifft. Dazu kommt, dass wir viele verletzungsbedingte Ausfälle haben und entsprechend oft umstellen müssen.
BayArena Magazin: Was Schwierigkeiten bereitet...
SKIBBE: Ja, man muss aber auch sehen, dass wir eine Mannschaft haben, die sich im Umbau befindet. Wir haben viele Spieler in der Sommerpause verloren, die wir sehr gerne behalten hätten. Ob das nun Dimitar Berbatov, Jens Nowotny oder Clemens Fritz sind. Bis auf Sergej Barbarez kamen unter den Neulingen meistens junge Spieler dazu. Wir befinden uns also im Wandel, und deshalb müssen wir eben Geduld haben. Und da ist die Unterstützung der eigenen Fans das allerwichtigste – gerade auch, wenn‘s mal nicht so läuft. Dennoch: Wir müssen natürlich daran arbeiten, dass wir einen Tick besser spielen, müssen die Fans davon überzeugen, dass sie hinter uns stehen sollten in jeder Situation.
BayArena Magazin: Die Stimmung unmittelbar vor Saisonbeginn war überaus positiv. Auch die Spieler selbst hatten ein sehr gutes Gefühl gerade auch, was die Zusammensetzung des Kaders betraf. War der Blick vielleicht etwas zu positiv?
SKIBBE: Nein, war er nicht. Wir haben ja gerade zu Saisonbeginn einige Klasse-Spiele gemacht, wenn auch manche davon, wie beispielsweise das in Bremen, verloren gingen. Gegen Wolfsburg gab‘s ein für uns sehr unglückliches Unentschieden. Wir hatten einfach ein bisschen Pech mit unseren Spielergebnissen. Und das ist dann irgendwann bei den vielen jungen Spielern aufs Gemüt geschlagen. Ein Stefan Kießling etwa geht dann mit einem Päckchen durch die Gegend, weil in den Medien ganz schnell die Rede ist von einem Fehleinkauf.
Stefan ist ein ganz junger Spieler, der muss sich hier entwickeln. Unsere Fans können sich sicher noch daran erinnern, wie es mit Dimitar Berbatov war, als der hierher gekommen ist. Da war der auch noch nicht in der Form, in der er sich bei uns vor einem halben Jahr präsentiert hat. Wir haben eine Mannschaft, die neu zusammenwächst, die davon überzeugt ist, dass sie gut ist, dass sie unsere Saisonziele erreichen kann. Wir stehen zu unseren Zielen. Aber wir müssen eben auch geduldig sein. Das heißt nicht, dass wir irgendwas verschenken wollen, das heißt auch nicht, dass wir irgendetwas schönreden wollen. Wir müssen dazu kommen, dass wir konzentriert und konstant an dem arbeiten, was uns stark macht.
BayArena Magazin: Was gibt Anlass zur Hoffnung, dass die Mannschaft wieder eine ähnlich starke Rückrunde hinlegen kann wie dies in den ersten fünf Monaten dieses Jahres der Fall war?
SKIBBE: Zunächst einmal bin ich sehr zuversichtlich, dass wir in den verbleibenden drei Spielen dieses Jahres noch sehr gute Leistungen zeigen werden. Dann wollen wir natürlich mit einer guten Vorbereitung in der Rückrunde viele Spiele vielleicht auch mal deutlich zu unseren Gunsten entscheiden, die in der Hinserie etwas unglücklich gelaufen sind. Wir freuen uns alle schon auf das Spiel gegen Werder Bremen, weil wir in Bremen eine tolle Leistung geboten, aber keine Punkte mitgenommen haben. Das wollen wir dann hier natürlich besser machen.
BayArena Magazin: Woran müssen Sie insbesondere mit Ihrer Mannschaft arbeiten?
SKIBBE: Wir müssen vor allem als Mannschaft im Defensivverbund besser arbeiten. Sieben oder acht Spiele führten wir mit 1:0 und haben diese Spiele dann doch nicht gewonnen bzw. sogar noch verloren. Das ist ein Wert, der darf einfach nicht sein in der Bundesliga. Da müssen wir konstanter sein, konsequenter daran arbeiten.
BayArena Magazin: Wird Bayer 04 möglicherweise in der Winterpause noch mal auf dem Transfermarkt aktiv werden?
SKIBBE: Es ist immer Thema, sich verändern und verbessern zu wollen. Wir beobachten – wie alle anderen Vereine auch – den Markt. Aber wir haben keine Not. Problematisch ist der Abwehrbereich, weniger die Innenverteidigung, da sind wir mit Juan, Haggui, Madouni und dahinter mit Callsen-Bracker gut besetzt. Wir haben aber auf den Außenverteidiger-Positionen auch verletzungsbedingte Ausfälle wie etwa den von Gonzalo Castro gehabt, der mehrere Wochen nicht zur Verfügung stand. Also, wenn alle gesund sind, müssen wir keine Veränderungen vornehmen. Wenn aber Bedarf ist, werden wir auch handeln können.
BayArena Magazin: Nach der Partie gegen Hertha steht das Endspiel in der Gruppenphase des UEFA-Pokals gegen Besiktas Istanbul an. Wie schätzen Sie den Gegner ein und wie werden Sie an die Aufgabe herangehen?
SKIBBE: Es ist eine sehr spielstarke Mannschaft. Aber wir wussten vorher, dass wir eine unglaublich gut besetzte Gruppe erwischt hatten, in der es schwer sein würde, weiterzukommen. Aber dieses Ziel haben wir natürlich. Es werden mit Sicherheit sehr viele türkische Fans im Stadion sein. Also wird es ungemein wichtig sein, dass unsere Zuschauer über 90 Minuten an uns glauben. Man hat beim Spiel gegen Tottenham gesehen, welch eine Stimmung 3.000 Engländer machen können. Und das weiß man von den türkischen Fans auch. Da müssen unsere Fans auf den Tribünen genauso gegenhalten wie unsere Spieler auf dem Platz.
Quelle: www.bayer04.de