Weltmeisterschafts – Endspiel 1954
Bis zu diesem Tag hatte ich meinen Vater noch nie weinen sehen. Am 4. Juli 1954 war es soweit. Es sollte ein großer Tag für uns und viele andere Menschen in diesem Land werden. Das konnten wir jedoch früh morgens noch nicht ahnen, als ich mit meinen Eltern zu meiner Oma aufbrach. Es war der Tag des Endspiels. Deutschland stand, überraschend für die meisten, im Finale der Fußballweltmeisterschaft. Nun ging es gegen Ungarn. Eben jene Ungarn, gegen die man in der Vorrunde mit 8:3 verloren hatte. Jene Ungarn, die seit 1950 kein Spiel mehr verloren und solche Ballkünstler wie Puskas oder Kocsis in ihren Reihen hatten.
Vor dem Spiel gab es Mittagessen bei Oma. Sie hatte sich wirklich Mühe gegeben („Damit ihr mir nicht vom Fleisch fallt nachher“) und danach machte ich mich mit meinem Vater auf den Weg. Wir schrieben, wie gesagt, das Jahr 1954. Ich war damals sieben Jahre alt. Ein Fernsehgerät war damals nur in den wenigsten Haushalten zu finden. Wer sich so etwas leisten konnte, lebte bereits ein wenig im Luxus. Die meisten Leute verfolgten das Spiel zu Hause vor dem Radio oder belagerten die Auslagen eines Fernsehfachhändlers in ihrer Nähe. Mein Vater hatte sich für die zweite Möglichkeit entschieden.
Als wir vor dem Geschäft ankamen, hatte sich dort bereits eine riesige Menschentraube von mehreren hundert Zuschauern vor dem Schaufenster gebildet. An ein Durchkommen war kaum zu denken. Mein Vater wühlte sich, so gut es irgend ging, durch die Menge. Da er ziemlich groß gewachsen war, hatte er kaum Schwierigkeiten, über die Zuschauer vor uns hinweg zu sehen. Ich durfte auf seinen Schultern sitzen und genoss einen hervorragenden Überblick über die ganze Szenerie. Aufgeregt beobachtete ich die Leute, wie sie diskutierten, analysierten, bewerteten. Manch einer führte sich auf, als hinge sein persönliches Wohl und Wehe von dem Ausgang dieses Spiels ab.
In der Menge erkannten wir einige bekannte Gesichter wieder. Freunde und Arbeitskollegen meines Vaters waren dabei. Von allen Seiten konnte ich Wortfetzen und aufgeregte Zurufe auffangen.
„Ey Willi, heute kriegen se zweistellig. Heut´ wern se richtig verseift vonne Paprikas!“
„Du hass doch keine Ahnung, du Heckenpenner! Kann sein Arsch nich´ von sein Ellebogen unterscheiden und kloppt hier die dicken Sprüche. Dat hab ich gerne.“
Zwei Reihen vor mir, etwas weiter rechts, stand Petra, eine Nachbarstochter. Petra war zehn Jahre älter als ich, blond, bildhübsch und mörderisch gut gebaut. Wenn sie sich bewegte und vor Aufregung hin- und her hüpfte, dann hüpfte ihr blonder Pferdeschwanz jedes Mal mit. Bei genauerem Hinsehen bemerkte ich jedoch, dass noch einige andere interessante Körperteile mithüpften. Als Petra in meine Richtung sah und mich bemerkte, lachte sie mich übermütig an und winkte mir zu. Ich winkte zurück und dann begann das Spiel.
Die Ungarn begannen, wie erwartet, sehr aggressiv. Die deutsche Mannschaft setzte dem offenbar nicht genug entgegen, und als Folge fielen in den ersten acht Minuten bereits die beiden Tore für Ungarn. Die Reaktion unter den Zuschauern, auch bei uns auf der Strasse, war natürlich entsprechend. Die allgemeine Begeisterung war einem lähmenden Entsetzen gewichen.
„Ach du dicke -ZENSIERT-, dat geht ja schon gut los!“
„Ein Glück, dat ich nich auf die Deutschen gewettet hab´!“
„Na, wat hab ich gesacht: zweistellig hab ich gesacht, zweistellig!“
„Wenne nich gleich deine Fresse hälts, sortier ich dir de Zähne neu, du olle Eierfeile! Dann sachse gar nix mehr. Wat kommse denn überhaupt, wenne hier nur rumstänkern wills?“
Viele standen regungslos da. Ein Zigarrenraucher unweit von uns stand versteinert und mit offenem Mund da. Sein Räucherwerk war kurz davor, seinen Fingern zu entgleiten. Ich wagte einen verstohlenen Blick Richtung Petra. Sie hatte ihren Kopf an die Schulter eines drittklassigen Elvis-Verschnitts gelehnt. Auch aus ihrem Gesicht sprach die blanke Enttäuschung.
Inzwischen lief das Spiel im Berner Wankdorf-Stadion wieder weiter. Die Deutschen schienen sich gefangen zu haben, denn bereits zwei Minuten nach dem zweiten Tor der Ungarn gelang Max Morlock der Anschlusstreffer. Die Erleichterung bei den Zuschauern über dieses Tor war förmlich zu spüren; ein Aufatmen ging durch die Reihen.
Neun Minuten später fiel dann der erlösende Ausgleich durch Helmut Rahn. Die Stimmung änderte sich schlagartig. Die Masse jubelte und schrie. Viele reckten ihre Fäuste in die Luft. „Na also, hab ich doch gewusst! Die können doch, wenn se wollen!“, ließ sich ein kleiner Dickwanst neben mir lauthals vernehmen. Die Deutschen hatten bewiesen, dass sie mit den ungarischen Wunderknaben mithalten konnten. Diesmal würden sie uns nicht demütigen wie vor wenigen Tagen in der Vorrunde. Ein gewisser Trotz machte sich unter den Zuschauern breit. Doch alles in allem war der Jubel im Gegensatz zum Ende des Spiels noch verhalten.
Im weiteren Verlauf spielte die deutsche Mannschaft zwar hervorragend, die deutlicheren Torchancen hatten jedoch die Ungarn, die mehrfach Pfosten und Latte trafen. Im Übrigen bewahrte ein glänzend aufgelegter Toni Turek mit seinen teilweise artistischen Paraden unsere Jungs vor einem erneuten Rückstand. Die Begegnung war bis kurz vor Spielende ausgeglichen verlaufen, als Helmut Rahn die Wende herbeiführte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich natürlich reichlich Gelegenheit, meinen Blick über die Zuschauermenge schweifen zu lassen, die mit der Zeit immer größer geworden war. Irgendwann standen schließlich so viele Menschen auf der Straße, dass an ein Durchkommen für Busse und Straßenbahnen nicht mehr zu denken war. Die Fahrgäste ärgerten sich jedoch nicht über diesen unfreiwilligen Zwischenstopp, sondern verließen vielmehr die Straßenbahnen und gesellten sich neugierig zu uns. Unser Fußballfieber hatte immer mehr Menschen angesteckt und den Straßenverkehr völlig zum Erliegen gebracht. Denjenigen, die zu weit hinten in der Menschenmenge standen, um noch irgendetwas vom Spielgeschehen auf dem Fernsehschirm mitbekommen zu können, wurden die wichtigsten Informationen per Mundpropaganda weiter gegeben.
Dann endlich, in der 84. Minute, der entscheidende Treffer. Schäfer hatte den Ball nach innen geflankt, und die Kopfballabwehr des ungarischen Verteidigers war nicht energisch genug. Ich kann mich an den Spielzug nicht mehr in allen Einzelheiten erinnern, aber auf einmal hatte Rahn den Ball und zog aus achtzehn Metern ab. Der Schuss landete unhaltbar im Tor der Ungarn, sechs Minuten vor Spielende stand es 3:2 für Deutschland.
Die Menschenmenge um uns brach in tosenden Jubel aus, manche überschrieen sich förmlich, bange Hoffnung und Spannung machte sich unter uns breit. Noch sechs Minuten bis zum Titel, sechs Minuten bis zum Sieg, quälend lange sechs Minuten bis zum größten Erfolg der deutschen Fußballgeschichte. Würde dieser dünne Vorsprung halten oder hatten die Ungarn noch ein As im Ärmel? Hielten sie noch irgendeine Finesse gegen uns bereit, oder sollten sie diesmal wirklich geschlagen sein?
Ich beobachtete wieder die umstehenden Zuschauer. Die meisten bangten und zitterten förmlich. Der kleine Dicke neben uns hatte seine Zigarre regelrecht zerfleddert. Jeder fieberte auf seine Art dem Ende dieses Dramas entgegen.
Dann endlich ertönte der erlösende Schlusspfiff. Die folgenden Ereignisse lassen sich nur schwer in Worte fassen. Zuerst brach ein Jubel, Geschrei und Getöse aus, dass man hätte meinen können, die Hölle sei losgebrochen. Alle warfen im Kollektiv ihre Arme in die Luft. Anschließend lagen sich wildfremde Menschen in den Armen, alles um uns grölte, johlte und schrie nach Leibeskräften. Gestandene Männer begannen hemmungslos zu weinen (ein Verhalten, das ich bisher nur von Frauen und Kindern kannte), und selbst meinem Vater, den ich bisher immer als einen ziemlich harten Kerl eingeschätzt hatte, liefen die Tränen die Wangen hinab. Die gesamte Zuschauermenge hatte sich binnen weniger Sekunden in ein Tollhaus ohne Gitter verwandelt. Die Situation wirkte auf mich elektrisierend und bedrohlich zugleich. Aus allen Richtungen drangen die Jubelrufe an mein Ohr: „Wir sind Weltmeister! Wir haben es geschafft!“.
Auch wenn ich vielleicht noch zu jung war, um die volle Bedeutung dieses denkwürdigen Ereignisses zu erfassen, so hatte ich doch intuitiv begriffen, dass ich hier gerade Zeuge von etwas Großem und Einmaligem, wirklich Außergewöhnlichem geworden war. Irgendwie war auch ich mit Stolz erfüllt über den großartigen Erfolg unserer Mannschaft.
Danach warf ich noch einen letzten Blick in Richtung Petra. Während der allgemeinen Jubelorgie war sie ihrem Elvis-Verschnitt immer wieder um den Hals gefallen oder war ausgelassen wie ein Derwisch herum gesprungen. Nun blickte auch sie ein letztes Mal zu mir, winkte und warf mir einen Handkuss zu. Zuerst starrte ich wie versteinert in ihr lachendes Gesicht, dann winkte ich ein wenig verlegen zurück, bevor wir uns in der sich langsam auflösenden Menschenmenge verloren.
Auf dem Heimweg mochte ich mich ob des Erlebten kaum beruhigen. Ohne Unterlass plapperte ich auf meinen Vater ein und rekapitulierte jedes noch so kleine Detail, das mir im Laufe dieses Nachmittags wichtig geworden war. Am Ende konnte ich es kaum noch erwarten, Oma und Mama mit der tollsten Neuigkeit der Welt zu überraschen:
Wir hatten gewonnen ! Wir waren Weltmeister !
Das ist meine Geschichte zur Fussball – Weltmeisterschaft vor 52 Jahren
Weltmeisterschaft 1954
-
- Ähnliche Beiträge zu Weltmeisterschaft 1954
- Antworten
- Zugriffe
- Letzter Beitrag
-
- 0 Antworten
- 6030 Zugriffe
- Letzter Beitrag 31.07.2023 13:51
-
- 0 Antworten
- 6050 Zugriffe
- Letzter Beitrag 21.11.2023 10:26
Zurück zu „Deutsche Nationalmannschaft DFB - Deutschland Forum - Nationalelf“

